Europa plant die Verteidigung mit ukrainischer Technik

Das Treffen der Koalition der Willigen vergangene Woche in Paris gab neben Unterstützungsbekundungen für die Ukraine den Rahmen für das erste Treffen der Anti-Ballistik-Koalition. Diese Partnerschaft, bestehend aus neun Nationen (Ukraine, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Spanien und dem Vereinigten Königreich), macht es sich mit dem Anti-Ballistic Missile Program unter dem Namen Freya zur Aufgabe, innerhalb von zwölf Monaten ein kostengünstiges, in großer Stückzahl produzier-bares System zur Abwehr ballistischer Raketen zu entwickeln.

Kernanliegen der Initiative ist dabei, eine europäische Alternative zu den US-amerikanischen Patriot-Raketen aufzusetzen. An der Auftaktsitzung nahmen neben Regierungsvertretern auch führende europäische Rüstungsunternehmen teil. Ihre Expertise reicht von Lenkflugkörpern über Sensorik bis hin zu Radar-geräten. Konkret saßen unter anderem Thales https://www.thalesgroup.com/en Diehl Defence https://new.diehl.com/defence/en Saab https://www.saab.com Kongsberg Defence & Aerospace https://www.kongsberg.com Leonardo https://www.leonardo.com/en/home MBDA https://www.mbda-systems.com Eurosam https://eurosam.com und Safran https://www.safran-group.com mit am Tisch.

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verfügt jedes teilnehmende Land über Know-how, das, zusammengeführt, die Entwicklung eines einsatzfähigen Freya-Systems innerhalb eines Jahres ermöglicht. Die Aufgabenverteilung ist dabei bereits zum Teil geklärt. Die Projektleitung und gleichzeitig die Entwicklung des eigentlichen Abfangjägers obliegen der Ukraine.

Die übrigen Staaten werden für Radar-, Ortungs- sowie Führungs- und Kontroll-systeme verantwortlich zeichnen. „Wir sind der Überzeugung, dass der Schutz Europas eine globale Lösung in Form einer integrierten Raketenabwehr-architektur erfordert, um künftige Raketenbedrohungen abzuwehren und zu bekämpfen – entwickelt durch gemeinsame Anstrengungen, technologische Offenheit und vertrauensvolle industrielle Zusammenarbeit“, gaben die Teilnehmerstaaten in der Abschlusserklärung zu Protokoll.

Mit vereinten Kräften Die Anti-Ballistik-Koalition gründet sich nicht mit leeren Händen. Denn bei ihrem Entwicklungsvorhaben können die Neun auf zuvor geleistete Entwicklungsarbeit aufschalten. Das Freya-Projekt https://militarnyi.com/en/news/fire-point-freya-anti-ballistic-missile selbst ist bedeutend älter als die Anti-Ballistik-Koalition. Bereits seit 2022 arbeitet der ukrainische Rüstungskonzern FirePoint an der ballistischen Rakete des Typs FP-7X. https://en.wikipedia.org/wiki/Freya_(missile_system)

Sie stellt das technische Rückgrat des paneuropäischen Rüstungsprojekts dar. Zu Beginn des Jahres schloss sich FirePoint mit dem deutschen Rüstungs-unternehmen Diehl Defence zusammen https://militarnyi.com/en/news/ukraine-s-fire-point-and-germany-s-diehl-defence-announce-technology-partnership um gemeinsam einen Raketenabwehr-komplex basierend auf der FP-7X zu entwickeln. https://www.euronews.com/my-europe/2026/07/22/ukraines-fire-point-ceo-germany-can-count-on-us-for-deep-strike-deterrence

Ziel des bereits damals unter der Bezeichnung Freya firmierenden Programms war es, die Kosten für die Bekämpfung eines einzelnen ballistischen Ziels auf unter eine Million US-Dollar zu senken. Dafür kombinierte die deutsch-ukrainische Partnerschaft einen bildgebenden Infrarot-Suchkopf (IIR) von Diehl mit Fire-Points Abfangjäger. Zur Zielerfassung sollten Radarsysteme europäischer Hersteller wie Saab, Thales oder Hensoldt https://www.hensoldt.net dienen. Hinzu kommt ein Feuerleitstand von Kongsberg. Ein erster Teststart gelang im Februar dieses Jahres. Den Abfang der ersten ballistischen Rakete versprach FirePoint für das Jahr 2027.

Mit der Ankündigung, das Freya-Projekt gemeinsam mit neun europäischen Staaten durchzuführen, setzt Selenskyj die Zeitlinien nun deutlich ambitionierter an. Zunächst ist aber die Frage zu klären, welche operativen Anforderungen an das Luftverteidigungssystem angelegt und wie die technischen Arbeitsgruppen gestaltet werden. Denn der geplante Freya-Abfangflugkörper soll Geschwindig-keiten von 1.500 m/s bis 2.000 m/s erreichen. Bei einer Länge von 7,25 Metern und einem Rumpfdurchmesser von 0,53 Metern greift die Konstruktion auf Verbund-werkstoffe zurück. Dieser Ansatz zielt primär auf eine Senkung der Produktions-kosten und eine beschleunigte Skalierbarkeit in der Serienfertigung ab.

Der ambitionierte Zeitplan der Freya-Entwicklung ist strategisch begründet. Denn nach "Ansicht des ukrainischen Präsidenten" sei Russlands Fähigkeit, ballistische Raketen in großem Umfang einzusetzen, der letzte große Vorteil. Diese Waffen-gattung – insbesondere in Kombination mit dem umfänglichen Einsatz un-bemannter Systeme sei schwer abzuwehren. Das stellen die Einsätze im Nahen Osten und in der Ukraine unter Beweis. Um sich gegen ballistische Raketen zu verteidigen, ist die Ukraine bislang von westlicher, vornehmlich US-ameri-kanischer Technologie abhängig.

Insbesondere dem Patriot-System kommt eine enorme Bedeutung zu. Das kontrastiert mit begrenzten industriellen Kapazitäten.Zwar haben die Vereinigten Staaten die Produktion des Luftverteidigungssystems gesteigert, und auch auf dem alten Kontinent wachsen die Kapazitäten bei hauseigenen Boden-Luft-Raketensystemen wie SAMP/T, IRIS-T und NASAMS, die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot bleibt aber weiter bestehen. Dass die USA aufgrund des Krieges im Iran größere eigene Bedarfe anmelden, kommt erschwerend hinzu.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung machen der Ukraine schwer zu schaffen. Daraus macht auch Selenskyj keinen Hehl. Er musste einräumen, dass es den ukrainischen Streitkräften in der Realität manchmal an Raketen mangele, um ukrainische Städte vor russischen Angriffen zu verteidigen. Von Freya verspricht sich Kiew daher, die eigenen Städte effizienter zu verteidigen, Wirkung an der Front zu entfalten und die Abhängigkeit von ausländischer Technologie zu brechen.

Für den EU-Flügel der Entwicklungspartnerschaft macht vor allem die Aussicht, eigene Kapazitäten zu schaffen und von ukrainischer Gefechtserfahrung zu profitieren, die Attraktivität des Projekts aus.